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Von Richard Schuberth Wien, Sommer 2002 ”Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht”, schrieb Bertolt Brecht in Anbetracht des heraufdämmernden Nationalsozialismus. Der Künstler Hans Haacke nahm dieses Zitat zum Anlass, in den Boden des neuen deutschen Reichstags die Losung ”Der deutschen Bevölkerung” zu affichieren, – als Protest gegen das vom Eingang prangende ”Dem deutschen Volke”.
Zehn Jahre nach Bestehen des äußerst populären Festes im Augarten hat die Kulturinitiative ”Aktionsradius Augarten” erkannt, dass es mit dem demonstrativen Ablehnen des biologischen Rassebegriffes noch nicht getan sei, sondern auch den Begriffen Kultur und Volk eine zweifelhafte Bedeutung und Karriere eigne. Beim ”Aktionsradius Augarten” zeichnete sich also ein verspäteter Reflexionsprozess ab, der zur prompten Namensänderung führte und mit einer einmonatigen Veranstaltungsreihe zum problematischen Begriff ”Volk” im September nach außen getragen werden soll. Die Namensänderung hat auch nur in Bezug auf Bertolt Brechts Zitat Sinn, wer dieses Hintergrundes unkundig ist, wird sich zu Recht wundern, ob etwa darauf hingewiesen werden soll, dass das öffentlich zugängige Fest nicht für Giraffen, Amseln oder Meerschweinchen inszeniert wurde. Leider fallen die Veranstalter mit der optischen Hervorhebung von ”Völker” im Wort Bevölkerung Brecht und Haacke in den Rücken und streben damit eine typisch österreichische Lösung an: ein Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück. Die eigene Aufgeklärtheit soll demonstriert und die Gewohnheit der Unaufgeklärten nicht provoziert werden. Im Grunde spiegelt die Debatte bloß die Schwachstellen gut gemeinter multikultureller Identitätspolitik wider – und die genuin rechten Vorstellungen einer sich links dünkenden Szene, die meint, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und strukturelle Benachteiligung von Ausländern mit Folklore, Kebabessen und gemütlichem Beisammensein bekämpfen zu können, – und dabei den nationalen Konstruktionen von Kultur und Volk auf den Leim geht. Was sich einst auf Karl Marx berief, hat eben zu seinem Karl May gefunden. Auch dem ”Fest der Völker” lag die Vorstellung zugrunde, ein großes Pow-Wow, ein Sommerteffen im Tal der Biber zu initiieren, wo die Stämme der Komantschen, Apachen und Bleichgesichter alias der Türken, Jugoslawen und Österreicher einander die Hände reichen zum friedlichen Tanz ums große Feuer, um das Trennende über das Gemeinsame zu stellen, ohne aufzuhören, sich fürchterlich lieb zu haben. Allmählich sickert jedoch ins Bewusstsein, dass die Komantschen, Apachen und Bleichgesichter gar keine so loyalen Angehörigen ihrer Gruppen sind, und diese Gruppen gar nicht so homogen wie vorgestellt.
Völker
Selbst auf den Konstruktionscharakter der Kategorie Volk zu verweisen, ist relativ banal, solange man nicht nach den Interessen fragt, welchen diese Konstruktion dient. Das Konzept Volk und dessen griechische Entsprechung, Ethnos, sind in ihrer modernen, von der Entwicklung des Nationalstaates nicht abtrennbaren Bedeutung bekanntlich weitaus jünger, als die Menschen, die sich diesen Konstrukten zugehörig fühlen, wahrhaben mögen. Sowohl das deutsche Volk als auch das griechische Ethnos gehen bis zur beginnenden Neuzeit nicht über die Bedeutungsschranke einer kleinen, bunt zusammengewürfelten Gruppe hinaus (und Analoges ließe sich von den verwandten Begriffen Rasse, Stamm und Nation sagen). Homers Ethnos bezeichnet sowohl Bienenschwärme als auch kleinere Kriegerscharen. Ebenso ist das mittelhochdeutsche volc (engl.: folk) im Sinne der Kriegsgefolgschaft zu verstehen und erfährt eine erweiterte Bedeutung in der allgemeinen Bezeichnung der lokalen Sozialeinheit. Ethnos – bei Homer noch in der Bedeutung der undifferenzierten Horde – avanciert während der Blütezeit der griechischen Zivilisation zur allgemeinen und leicht abfälligen Bezeichnung für Fremdheit und Anderssein. Aischylos gebraucht Ethnos sowohl für die Furien als auch für die Perser, Sophokles – wie auch Homer – für wilde Tiere, und Aristoteles als Synonym für Barbaren schlechthin. Und wenn Pindar in seinen Pythischen Oden die Gattenmörderinnen von Lemnos als Ethnos bezeichnet, erlangt der Begriff sogar die Bedeutung von sozialen Außenseitern. Im Neuen Testament ersetzt Ethnos das hebräische Gojim (ursprünglich in der Bedeutung von nicht jüdisch, im N. T.: nicht christlich) und wird im römischen Christentum vom lateinischen Gens abgelöst. Diese Begriffe bezeichnen zunehmend auch Verwaltungseinheiten, was einiges Licht auf ihre spätere Bedeutung als ideologische Herrschaftsinstrumente wirft. Alles in allem, Begriffe wie die genannten erweisen sich in einer Welt, die kein Interesse an kultureller und sprachlicher Homogenisierung zeigt, als äußerst vage, ihre Bedeutungsbreite wird im jeweiligen Kontext ausgehandelt. Und so bleibt es bis ins späte 18. Jahrhundert. Die feudalen Oberschichten fühlen sich den Standeskollegen anderer Reiche und Fürstentümer verwandter als den eigenen Unterschichten, und ein katholischer Bauer aus Niederbayern wäre im 18. Jahrhundert wohl kaum auf die Idee gekommen, sich mit einem protestantischen sächsischen Bauern einem Volk zugehörig zu fühlen, und es ist fraglich, ob jener dessen Dialekt nicht als genau so fremd empfunden hätte wie den eines südfranzösischen Bauern, der wiederum mit einiger Sicherheit nicht des Französischen mächtig war, das noch 1789 von 50 Prozent der Bewohner Frankreichs überhaupt nicht und nur von 12 bis 13 Prozent ”richtig” gesprochen wurde. Erst mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht und dem Erstarken der bürgerlichen Klasse würde den Kindern dieser „deutschen“ Bauern von Dorflehrern eingetrichtert werden, dass der Herr Markgraf trotz allen gezierten Französelns auch nichts Besseres sei und so wie sie einem Volke angehöre, das einen eigenen Staat brauche, um sich im Laufe des erwachenden Kapitalismus wirtschaftlich und militärisch gegenüber den anderen Völkern zu behaupten.
Als sich Goethe 1786 schnurstracks ins Land aufmachte, wo die Zitronen blühen, mag er aus seiner ethnographischen Distanz eine genauere Vorstellung davon gehabt haben, was nun Italiener seien, als die Bewohner des italienischen Stiefels selbst. Einen Mailänder Boutiquenbesitzer damit zu konfrontieren, er gehöre derselben ethnischen Kategorie an wie ein kalabrischer Winzer oder ein sardischer Fischer, könnte heute noch als Beleidigung empfunden werden. – Ebenso wie man einen Tiroler Hotelbesitzer und einen Weinviertler KFZ-Mechaniker nur in gemeinsamer klingonischer U-Haft dazu bringen mag, sich irgendwie kulturell verwandt zu fühlen.
Wozu Völker gut sein können
Der Bezug zur einer ethnischen Kategorie, sei es nun Deutscher, Ungar, Kurde, Schwede etc. bedeutet in jeder geschichtlichen Epoche etwas anderes und variiert auch heute noch zwischen Individuen. Sobald einmal der beunruhigende Zustand eingekehrt ist, dass alle Bürger eines Staates in Bezug auf ihre ethnische Zugehörigkeit gleich denken und fühlen, hat die staatliche National- und Bildungspolitik wirklich ganze Arbeit geleistet. Die Modelle fürs homogene, einige Volk wurden erstmals von antiaufklärerischen deutschen Intellektuellen des späten 18. Jahrhundets entworfen und fanden im Rest der Welt schnell Anklang. Eine verspätete, aber umso blutigere Ernte brachte diese ursprünglich gut gemeinte Ideologie in den Balkankriegen des letzten Jahrzehnts ein.
Der Bezug zur vorgestellten Volksgemeinschaft vermag Modernisierungsprozesse psychosozial abzufedern. Er kompensiert Verlustängste und reale Verluste. Er unterstellt Gemeinschaft, wo sich Gemeinschaft in noch nie gesehenem Ausmaß auflöst; er verspricht Kontinuität in Zeit und Raum, wo Diskontinuität vorherrscht, und spendet emotionelle Wärme, wo die kalte Logik des kapitalistischen Marktes regiert.
Als Hannes Androsch am Höhepunkt seiner Karriere – zur Zeit des Consultatio-Skandals – ein Praterwirtshaus betrat, gaben ihm die Gäste geschlossen stehende Ovationen. Sie hätten diese Ehre keinesfalls einem deutschen und schon gar keinem russischen Wirtschaftsverbrecher erteilt. Androsch war eben ein klasser Bursch, einer von ihnen. Der positive Bezug zum eigenen Volkstum bedeutet also auch, dass man es nicht bloß vorzieht, von den ”eigenen” gleichsprachigen Eliten gedemütigt, bevormundet, übervorteilt, in den Heldentod geschickt, also – gefickt zu werden, sondern – hier offenbart sich eine traurige Wahrheit – auch der Ansicht ist, die eigenen Eliten könnten einen viel besser demütigen, bevormunden, übervorteilen, opfern, – ficken als fremde Eliten, weil sie sich besser in die eigenen Demütigungswünsche hineinzufühlen vermögen. Sie rufen uns zwar nie an, nachdem sie in uns gekommen sind, aber riefen sie uns an, flüsterten sie sicher ”Ich liebe dich” in den Hörer, in jener süßen, vertrauten Sprache, in der unsere Eltern uns schon maßregelten. Sie klauen uns zwar Lebensmittel und Kinder, aber mit dem Versprechen, diese nach den Rezepten der gemeinsamen Ahnen zuzubereiten – das beruhigt ungemein. Sie mögen irren, doch ihre Irrtümer sind uns allemal näher als fremde Wahrheiten. Kurzum: Der Glaube ans gemeinsame Volk gleicht einem nicht enden wollenden Firmenheurigen, bei dem die Ehre, gemeinsam mit der Führungsebene besoffen und geil zu werden, für Gehalts-, Status- und Rechtsunterschiede entschädigt.
Ach, wie sind wir doch nicht alle heterogen
Ein löbliches Unterfangen ist es, der Vorstellung von homogenen Völkern mit dem Verweis auf die Vielschichtigkeit möglicher Identitäten zu kontern, doch Vorsicht: Alsbald artet das Loblied auf die Hybridität in lästige Hybris aus. Denn die Penetranz, mit der einem neuerdings jedes Kulturwissenschaftlerchen und Sozialpädagögchen die Erkenntnis unterbreitet, wie heterogen, hybrid und vielschichtig kulturelle Identitäten doch nicht seien – ein Umstand, der für vornationalstaatliche Bevölkerungen so selbstverständlich schien, dass er nicht näher erläutert werden brauchte – kündet doch bloß davon, dass dieselben Aufklärer vor kurzem noch mit der Vorstellung im Kopf spazieren gingen, die Weltbevölkerung wäre in einheitliche kulturelle Gruppen (z. B. Völker) gliederbar, – ansonsten pfiffen sie diese neue Einsicht nicht so besserwisserisch von jedem Dach. Ansonsten entführten sie nicht jeden Jugendlichen türkischer Abkunft, dessen sie habhaft würden, von der Straße in ihre Unis, Volksbildungswerke und Kulturinitiativen, wo sie ihm coram publico die Kleider vom Leibe reißen und wie dem Bio-Rind Strichlinien auf den Körper malen, um zu dozieren, wie viel Prozent dieses Objektes kultureller Kategorisierungswut nun exakt türkisch, alewitisch, Brigittenauer Lokalidentität, transkulturelle Clubbingidentität, Rapidfan und einfach nur Kemal ist. Selbst das Bewusstsein von der Vielschichtigkeit der Identitäten schützt vor starren Festschreibungen nicht.
Und auch das bevorstehende Fest unterm Flakturm bedürfe gar keiner großspurigen aufklärerischen Beflakung, das musikalische Programm allein straft die Vorstellungen von statischer Folklore und kulturellen Einheiten, Völkern und Nationen, deren Ausdruck jene angeblich sein soll, Lügen. Man übe sich also besser in Gelassenheit und setze sich für politische und soziale Rechte von Ausländern ein anstatt sie auf ihre einheitlichen oder vielschichtigen Kulturen festzuschreiben. In Wirklichkeit ist das alles sowieso viel komplizierter, als man sich je vorstellen könnte, und es bedarf großen Wissens und feiner Empathie, um den stetigen Fluss der kulturellen Veränderungen nicht mit unflexiblen Kategorien zu bremsen. Die Besucherinnen und Besucher des Augartenfestes indes werden nicht viel nachdenken drüber, – sondern feiern.
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