Salade macédoine & deutsche Eier PDF Print E-mail

von Richard Schuberth
Wien, Herbst 2006

 

 

Der Balkan gibt seine ersten Geheimnisse preis …


In der jüngsten Ausgabe der „Stimme von und für Minderheiten“, die sich dem Schwerpunktthema „Balkan“ widmete, erschien folgender Artikel von Richard Schuberth, den der Augustin mit freundlicher Genehmigung abdruckt. Unser Verhältnis zu diesem ominösen Balkan ist immer noch von Vorurteilen und Unwissen geprägt. Und er dient als Müllhalde für unsere Ideologien …

Der Nationalismus beruft sich zur Durchsetzung ethnischer Exklusivität auf kulturelle Tradition und Kontinuität. Zwei intellektuelle Gegengifte gibt es gegen das nationale Gift, ein modernistisch-materialistisches und ein historisch-ethnographisches. Ersteres tut den Einfluss des Ethnischen als anachronistisch oder künstlich ab, Letzteres vergleicht die nationalen Mythen mit den kulturellen Wirklichkeiten der vornationalen Zeit. Nun liegt nirgendwo in Europa diese vornationale Zeit kürzer zurück als auf dem Balkan, existierten nirgendwo in Europa multiethnischere Gesellschaften, und von nirgendwo hallen die Echos der eigenen bestialischen Geschichte unerträglicher in westeuropäische Ohren zurück. Geschichte?

„Im September 1991“, erinnert sich der Belgrader Regisseur Zoran Solomun in einem Interview mit der Berliner Zeitung „Freitag“, „als es die pogromartigen Nächte in Rostock gab und der Mob Wohnungen von Vietnamesen in Brand steckte, habe ich Folgendes erlebt. In einem Laden fragte mich eine Frau, woher ich käme, und sagte dann voller Abscheu: Ist es nicht unglaublich, was dort passiert? Diese Brutalität, diese Grausamkeit! Ich wollte es relativieren und sagte: Ja, aber haben Sie nicht auch gesehen, was vor zwei Tagen in Rostock passiert ist? Da war sie beleidigt, sie hat geschrieen: Das ist etwas vollkommen anderes.“

Mit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg (1821–29) wurde das in deutschen Think-Tanks entwickelte Gift des ethnischen Nationalismus erstmals im Großversuch getestet, dessen Restbestände kehrten in den 1990er Jahren wieder auf den Balkan zurück. Dass die Balkanier das Gift auch probierten, das wir nicht mehr zu brauchen glaubten, weil unsere Pharmakonzerne längst wirksamere entwickelt hatten, und zwar an sich und ihren Nachbarn, war uns einmal mehr der schockierende Beweis ihrer Zivilisationsunfähigkeit.

Es lohnt sich, die ethnische Geschichte dieses Großraums zu studieren, und sei es nur, um folgende befreiende Lehre daraus zu ziehen: Selbst wenn wir uns alles, was wir für wahr halten, als 20-mal komplexer denken, ist das noch immer eine Beleidigung der wahren Komplexität.

Lasst uns also tief in den Sack mit den Überraschungsgeschenken greifen, welche die Geschichte des Balkans für uns bereithält, und willkürlich ein paar Fakten und Anekdoten herauskramen. Ein solcher Griff ins Volle würde z. B. zutage fördern, dass die beliebte Phrase, alle zwei Generationen fielen die Völker des Balkans übereinander her, keinen langen Bart hat, denn das taten sie erst seit dem 19. Jh., mit Zerfall des Osmanischen Reichs, dem eine 400-jährige relativ friedliche Phase (Pax Osmanica) vorausging, in der man einander gelegentlich aus ökonomischen und sozialen Gründen massakrierte, dabei aber kaum ethnische Motive vorschob; – dass die periodisch aufflackernden Bauernaufstände christliche und muslimische Bauern vereinte, dass diese nicht selten die Zentralregierung in Istanbul um Hilfe gegen gierige Lokalfürsten, aber auch Popen riefen, dass im 16. und 17. Jh. Bauern des Habsburger Reiches en masse ins Osmanische Reich emigrierten, weil die feudale Unterdrückung dort weniger schlimm war; dass gesellschaftliche Vergangenheit, wie Immanuel Wallerstein einmal schrieb, keine „in Stein gemeißelte Schrift“, sondern „bestenfalls eine in Lehm gezeichnete Inschrift“ ist, im konkreten Fall: dass alle Balkanvölker, wie wir sie und wie sie sich selbst zu kennen glauben, in ihrer Einheit nicht älter als vier Generationen sind; dass der Balkan sich zuvor als pointillistisches Gemälde von Tausenden Lokalkulturen gebärdete, in der nationale Identifikation so absurd und lächerlich erschien wie die politische Organisation nach Haarfarbe; dass es zwar so was wie eine protoserbische und protokroatische Identität gab, diese sich aber eher lokal und dynastisch gerierten, jedenfalls weit hinter konfessioneller Groß- und dörflicher Kleinidentität anstellen mussten und dass erst die Wandlung von religiöser zu nationaler „Anrufung“ auch jene Menschen zu Kroaten, Serben und Bulgaren machte, die sich zuvor nie damit identifiziert hätten, wie etwa herzegowinische, ungarische und donauschwäbische Katholiken, oder kosovarische Bauern, die teils bis vor wenigen Jahrzehnten noch nicht wussten, dass sie Serben seien, ebenso wie sich slawische Bauern in Mazedonien um 1900 weder als Bulgaren noch als Mazedonier bezeichneten, aber als Griechen – und damit nicht die Nation, sondern die Religion meinten; dass man zur gleichen Zeit das dalmatische Gemüt, jene Mischung aus venezianischem Bürger- und dinarischem Berg-Sippen-Stolz, nur schwer überzeugen konnte, derselben ethnischen Kategorie anzugehören wie slawonische Bauern oder die „österreichischen“ Zagreber; dass ein Großteil der bosnischen Serben wahrscheinlich slawisierte Nachkommen südrumänischsprachiger Wlachen sind; genauso wie die Bewohner der Nachbardörfer Islam Grčki und Islam Latinski 10 Kilometer östlich der dalmatischen Küste bei Zadar, die nach der Zurückdrängung der Osmanen Ende des 17. Jh.s vom Islam teils zum orthodoxen, teils zum katholischen Glauben konvertierten, und sich etwa 300 Jahre später an beiden Seiten der kroatisch-serbischen Frontlinie wiederfanden – beide Orte wurden vernichtet; dass die kulturellen Grenzen über die Konfessionen hinweg hauptsächlich zwischen Berg-, Tiefland- und Stadtbewohnern verliefen, will heißen: dass Bewohner aller Konfessionen aus der Lika, Krajina und Hercegowina, aus Montenegro, Nordalbanien und der Šar Planina mehr gemeinsam hatten als mit ihren vermeintlichen Volksgenossen in Tiefland und Stadt; dass sogar albanisch-montenegrinische Mischclans existierten; dass im griechischen Befeiungskrieg Albaner (Sullioten) eine zentrale Rolle spielten; dass die Dalmatierinnen um 1600 ihre eigene Kopftuchdebatte hatten, wenn sie die Schäfer aus den Bergen mit dem Lied „Eher würd` ich einen Türken heiraten, als in Schwarz herumzulaufen und ein Kopftuch zu tragen“ verspotteten; – dass die südslawischen Sprachen ein zäher Teig allmählich ineinander übergehender Dialekte sind, dem die nationalen Keksformen bis heute nur wenig anhaben konnten, dass z. B. nicht weit südlich von Belgrad, bei Jagodina, ein Dialekt beginnt, der ebenso vom bulgarischen und mazedonischen Nationalismus beansprucht werden könnte, und dieses Kontinuum nur vom Kosovo unterbrochen wird, wo den Serben ein albanischer Akzent nachgesagt wird; aber nicht nur ihnen, sondern auch den so genannten Janjevci, jene Teile der katholischen Minderheit im Ort Janjevo bei Priština, welche Präsident Tudjmans Ruf ins kroatische „Mutterland“ gefolgt waren, nun entweder gemeinsam mit serbischen Rückwanderern die Dörfer der Krajina besiedeln oder in Dubrava, einem Stadtteil Zagrebs, Seite an Seite mit jenen kosovo-albanischen Migranten leben, mit denen sie das albanisch gefärbte Serbokroatisch teilen; dass es in Mazedonien bei Zusammenkünften zum guten Ton gehörte, jeweils in der Sprache des ältesten Anwesenden zu plaudern; dass die orientalische Kopfbedeckung Fez, heute ein Symbol konservativer muslimisch-bosnischer Identität, erst durch „Reform-Sultan“ Mahmud II. 1826 eingeführt wurde, somit das Produkt einer „Verwestlichung“ darstellt, und bei den bosnischen Muslimen Proteste hervorrief, die wie die Christen den Turban trugen; dass sich das Zentrum der internationalen Fez-Produktion gegen Ende des 19. Jt.s in Strakonice in Südböhmen befand; dass nicht nur die politischen, sondern auch die religiösen Identitäten auf dem Balkan stets fröhlich unzuverlässig und pragmatisch gehandhabt wurden, wie Lady Montagu, die Frau des britischen Gesandten in Istanbul, bereits 1717 am Beispiel der Arnauten (Albaner) klarstellte: „Die Menschen, die unter Christen und Muslimen leben und nicht sehr versiert im Streiten sind, erklären, sie seien völlig unfähig zu entscheiden, welches die bessere Religion sei: Um sicher zu gehen und sich nicht von der wahren Religion abzuwenden, befolgen sie mit großer Umsicht beide und gehen am Freitag in die Moschee und am Sonntag in die Kirche.“ – Dass türkische Matrosen zur Jungfrau Maria beteten und heute noch orthodoxe Gastarbeiter in Wien zum bosnischen Hodscha pilgern, um Segen und Heilung zu erflehen; dass es 1872 weder der Hodscha noch der Pope fertig brachten, die Stadt Adrianopolis (Edirne) von Vampiren zu befreien, was erst einem anatolischen Wanderzauberer gelingen wollte; dass Juden nirgends so gute Lebensbedingungen vorfanden wie im Osmanischen Reich; dass es in Mazedonien überhaupt keinen, in Serbien so gut wie keinen und in Bulgarien erst seit kurzem Antisemitismus gibt; dass im Jahr 1817, als der Gouverneur von Bosnien, Ruschdi Pascha, zehn Notabeln der Sarajevoer jüdischen Gemeinde, darunter den Oberrabbiner, verhaften ließ, um aus ihnen Geld zu pressen, und mit ihrer Hinrichtung drohte, 3000 bewaffnete Muslime in einer spontanen Demonstration vor den Gouverneurspalast zogen und deren Freilassung erzwangen, dass die muslimische Geistlichkeit Bosniens 1941 Petitionen am laufenden Band verfasste, in denen sie die Gräueltaten der Ustascha gegen Juden und Serben verurteilte, dass sich der orthodoxe bulgarische Metropolit Stefan, angeregt vom mutigen Einzelkampf des Abgeordneten Dimitar Pesev, 1942 den Davidstern an die Brust heftete, jüdische Mitbürger im Dom von Sofia versteckte und somit den Zaren veranlasste, die drohende Deportation der bulgarischen Juden nach Polen abzuwenden. Dass Mazedonien, dessen verunglücktem Präsident Boris Trajkovski es gelungen war, den Konflikt mit den Albanern friedlich beizulegen (gerade als die westlichen Medien aus den Mazedoniern neue Killerslawen konstruieren wollten), dass dieses Mazedonien nicht nur der einzige Staat ist, der seinen Unternehmern die Steuern zurückerstattet, die diese nie gezahlt haben, sondern auch der einzige, der den Nachkommen seiner einst hoch geschätzten und vernichteten jüdischen Gemeinden freiwillig anbot, deren Besitztümer zu refundieren. Dass die mazedonischen Nationalisten um 1900 (z. B. in der Verfassung von Kruševo) im Vergleich zu allen Nachbarnationalismen großzügige Minderheitenrechte garantierten, was kein Goodwill ist, sondern oberstes Gebot politischer Vernunft in einer multiethnischen Gesellschaft, deren Städte noch dazu ein liberales Großbürgertum beherbergten.

Nun sei der Ranzen der Überraschungen wieder zugeschnürt, um die Leser nicht über Gebühr zu verwirren – so wie jene Menschenrechtsspezialisten, die aus aller westlichen Herren Länder nach Mazedonien strömten, um den Mazedoniern Multikulturalität einzubläuen. Völlig verstört kamen sie zurück und waren Monate, ja Jahre nicht fähig, über das Erlebte zu sprechen. Denn sie fanden, was ehedem schon französische Diplomaten verwirrt hatte – weshalb sie nach diesem Tohuwabohu einen Salat benannten: Macédoine –, nämlich die vitalen Überreste einer vornationalen Multiethnizität, die unter Lebensbedingungen funktioniert, unter denen unsereiner sich längst am nächstbesten Afrikaner vergriffen und ein für allemal verbeten hätte, die köstlichen Börek vom türkischen Nachbarn zu schnorren.

Nun die Frage an die Geschichtsphilosophen: Müssen die Mazedonier, nur weil ihre Multikulturalität ein Relikt aus vorkapitalistischer Zeit ist, erst durch die Moderne durch, also durch nationalistischen Massenmord, um uns dann das aufgeklärte Frankfurter oder Wiener Multi-Kulti-Modell mit Wirtschaftskonzessionen abkaufen zu dürfen? Lassen wir den Belgrader Regisseur Zoran Solomun, der sich als Aktivist gegen das Milošević-Regime sicher keiner proserbischen Sympathien verdächtig macht, die Schlusspointe dieses Artikels offenbaren: „Für Westeuropäer gehört das Nationale zur Natur wie die Bäume oder die Luft. Sie wissen es nicht einmal. Es steckt tief in ihrem Denken. Sie glauben an nationale Eigenschaften, als wären das uralte Unterschiede zwischen den Menschen. Als ich 1990 nach Deutschland kam – aus einem Jugoslawien, in dem der Nationalismus aufblühte – sah ich hier im Supermarkt eine Packung mit zehn ‚deutschen Eiern’ und habe laut gelacht. Auf dem Balkan wäre so etwas ein Witz gewesen. Früher zumindest. So weit gingen dort die nationalen Identifikationen nicht.“

Alors, citoyens, holt mazedonische „interethnicity mediators“ in den Westen, am besten alle, da jeder Mazedonier ein solcher ist!

Bildtitel:

Das jüdische Komitee zur Unterstützung armer Kinder in Bitola, Mazedonien, Mitte der 30er Jahre. Die jüdischen Gemeinden Mazedoniens wurden wenige Jahre später sämtlich von den Nazis vernichtet

Foto-Credit: Milton & Yanaki Manaki

 

< Back 

 

Newsletter

Name:
Email:

Who's Online

We have 1 guest online