Kosova – eine Zweigroschenoper PDF Print E-mail
von Rochard Schuberth
Wien, März 2008 (unveröffentlicht)



Beethovens Neunte in Prishtina und wild gewordener Mob in Belgrad. Bank- und Botschaftseröffnungen hier, brennende Botschaften und demolierte Banken dort. Solch Evidenz der Bilder und Symbole lässt keinen Zweifel zu, wer hier nach Westen, wer nach Osten, wer zur Freiheit, wer zum Hunnentum drängt. Und wenn dann Peter Handke den serbischen Faschistenführer Nikolić auch noch als „gekränkten Patrioten“ verharmlost und Kosovas Präsident Hashim Thaçi in einem Imagevideo einem serbischen Bauern einen Traktor schenkt, hat es skeptische Vernunft nicht leicht, dem medial inszenierten Freudentaumel über die Befreiung eines unterdrückten Volkes zu widerstehen ohne in den Ruch von serbischem Nationalismus und realitätsfremder Jugonostalgik zu kommen.

Die Kritik des kosovarischen Staates beruft sich gemeinhin auf das Völkerrecht der unantastbaren Staatsouveränität und der Vorbildwirkung kleinnationalistischen Irredentismus’. Keinesfalls, kontern die internationalen Geburtshelfer von Kosova, dieser bliebe ein Fall sui generis. Doch jeder Fall – ob Baskenland oder Abchasien, ob Transnistrien, oder Tschetschenien – ist ein solcher. Wie beim Nato-Bombardement des einstigen Jugoslawien wird bei der Anerkennung des kosovarischen Staates der Bruch Internationalen Rechts mit ethischen, mit humanitären Argumenten gekittet.

Souverän und sachlich wie immer memoriert Wolfgang Petritsch einmal mehr das Konzept der Verantwortung zum Schutz (Responsibility to Protect), das 2005 beim Uno-Weltgipfel sogar als global geltendes Prinzip akzeptiert wurde. Dabei vergisst er, dass dieses Prinzip seit hunderten Jahren Verwendung findet, und Großmächte zum Schutz ihrer ökonomischen und strategischen Interessen überall in der Welt Menschenrechtsverletzer gestürzt hatten, um dann noch größere zu inthronisieren.

Veronika Seyr, die in einem „Standard“-Kommentar als Mater Dolorosa der geknechteten Kosovaren posiert, will im freien Kosova eine Schutzzone sehen, ein ideelles Israel der unterdrückten Albaner dieser Welt. Die traurige Wahrheit ist aber, dass die territoriale Integrität dieser Zone nichts schützt als die Interessen der skrupellosesten Mädchen- und Drogenhändlerkartelle Europas, dass das Selbstbestimmungsrecht des kosovarischen Volkes so frei war, hunderttausende Kosovaren (Nicht-Albaner und Albaner) zu vertreiben, und in Anbetracht der Identität – nicht bloß der Vernetzung – von Politik und Organisierter Kriminalität und den Zwängen einer weitenteils auf reziproken Klanstrukturen beruhenden Gesellschaft sich nun die Frage aufdrängt: Wer schützt die Albaner – vor den Albanern? Oder mit den Worten des bekannten Politikers Veton Surroi aus Prishtina: „Jeder, der glaubt, die Gewalt würde beendet sein, wenn die letzten SerbInnen aus dem Land gejagt sind, lebt in einer Illusion. Die Gewalt wird sich einfach gegen andere AlbanerInnen richten.“

In jedem anderen Fall humanitärer Intervention wäre jene Hypothese bloß polemische Übertreibung, derzufolge eine kleine Bande separatistischer Terroristen und Mafiosi als Sprach- und Kanonenrohr eines imaginären Volkswillens Nato, USA und EU dazu hätte benützen können, gegen internationales Recht eine territoriale Basis für ihre kriminellen Geschäfte freizubomben. Im Fall Kosova ist sie bizarre Realität. Dafür bedarf es nicht der Propaganda serbischer Nationalisten und linker Verschwörungstheoretiker. Schenkt man den Berichten der westlichen Geheimdienste (allen voran denen des BDN), des Instituts für Europäische Politik, von anmesty international und der Kfor Glauben, dann ist die Anerkennung dieses politischen Gebildes eine Schande, die die Urteilsfähigkeit der „westlichen Wertegemeinschaft“ bis in alle Zeiten desavouiert und die letzte Säule einer politischen Stabilität in der Region umgestoßen hat.

Fakt ist, dass die Albaner des Kosovo unterdrückt wurden. In osmanischen Zeiten eher von plündernden und mordenden albanischen Bergstämmen, später durch den serbischen Chauvinismus. Einträchtig entlud sich beider Unmut an der osmanischen Oberherrschaft. Solange der bürgerliche Nationalismus keinen Einfluss auf die Gehirne der einfachen Menschen ausübte, sahen sich serbische und albanische Bauern auf gleicher Höhe in die Augen, mal feindselig, oft freundlich, zumeist gleichgültig. Nachdem es aber um 1804 ein paar schlauen Heiducken und Viehhändlern (Karadjordjevići und Obrenovići) gelungen war, ihre Geschäftsbedingungen mit der romantischen Ideologie der nationalen Befreiung zu bemänteln und so in Folge ein vom Osmanischen Reich mehr oder minder unabhängiger Staat entstanden war, wuchs in Belgrad ein Bürgertum heran, dass sich mit der Verherrlichung seines Serbentums in den in Europa vorherrschenden nationalen Trend einklinkte. Die Albaner, uneinig und noch zu stark in widersprechende Loyalitäten und vorfeudale Klanbindungen verstrickt, folgten der Mode mit gehöriger Verspätung.

Ihren letzten Drall bekam diese Entwicklung mit der neuen Verfassung von 1974, mit welcher Tito den Albanern im Kosovo großzügige Rechte auf Lokal- und Bundesebene einräumte – einer seiner dezentralistischen Schachzüge zur Neutralisierung des serbischen und kroatischen Nationalismus. In dieser Phase sahen sich eher die Serben als benachteiligte Minderheit. Doch – Schaufel des eigenen Grabes – der erleichterte Zugang zu Bildungsinstitutionen schuf eine ganze Generation junger albanischer Nationalisten, die im chauvinistischen Milošević-Regime den Aggressor ihrer Träume fand. 1989 wurde dem Kosovo der Autonomiestatus aufgekündigt, eine Zeit der unverhohlenen Repression der Minderheit durch die Mehrheit folgte. Die größte Tragödie dieser kalkulierten wechselseitigen Aufschaukelung des Hasses lag in der Entzweiung von serbischen und albanischen Nachbarn, die bislang um friedliches Einvernehmen bemüht waren, sowie der Verdrängung eines unterstützungswürdigen zivilgesellschaftlichen Widerstandes durch die Separaristenarmee UÇK, die vom britischen und US-Geheimdienst ausgebildet und bewaffnet, begann, serbische Polizisten zu ermorden und ganze Landstreifen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Vielfach eingestandenes Ziel dieser Befreiungskämpfer war die totale Säuberung des Kosovo von Serben und die Schaffung eines ethnisch reinen Großalbaniens. Serbische Armee und Polizei reagierten mit aller Härte, zumal sich kein souveräner Staat dieser Welt die terroristischen Provokationen einer UÇK gefallen ließe. Die Hit-&-Run-Methode der albanischen Ultranationalisten zeitigte bald ihre erwünschten Erfolge, sie provozierte nicht nur immer brutalere Vergeltungsaktionen, sondern lockte auch Paramilitärs und organisierte Plünderer aus Serbien an. Von 1997 bis 99 irrten im Kosovo bis zu 300.000 Menschen, größtenteils Albaner, aber auch Serben, als Binnenflüchtlinge umher. Anfang Juni 1999 schätzte die deutsche Gesellschaft für bedrohte Völker die Zahl der bis dato getöteten albanischen Kosovaren auf 30.000. Ein Jahr später legte der UNO-Menschenrechtsbeauftragte Jirí Dienstbier die Anzahl der von März 1998 bis März 1999 getöteten Kosovaren auf etwa 1800 fest. Nach Berichten der OSZE soll die UÇK in diesem Zeitraum mehr Albaner als Serben ermordet haben.

Die USA und ihre Verbündeten hintertrieben jegliche friedliche Bemühung um eine Beilegung des Konfliktes und forcierten den Abzug der OSZE-Beobachter aus dem Kosovo, deren Anwesenheit das Schlimmste bis dahin verhindert hatte.

Mit dem Nato-Bombardement 1999 trat die weltgeschichtlich einzigartige Konstellation ein, dass eine Regierung für etwas bestraft wurde, was sie erst als Folge der Bestrafung tun würde. Die ethnischen Säuberungen begannen. Zwar fielen ihnen nicht 500.000 Albaner zum Opfer, wie das U.S. State Department mutmaßte, sondern beläuft sich nach ofiziellen Stellungnahmen des Internationalen Gerichtshof in Den Haag die Gesamtzahl der Toten vor und nach dem Bombardement, inklusive getöteter Serben und Opfer der Nato-Bombardements im Kosovo auf maximal 5000, aber erst die Vergeltung der albanischen Zivilgesellschaft sollte mit internationalem Flankenschutz den Wunschtraum vom ethnisch reinen Kosovo beinahe in Erfüllung gehen lassen. Vor den Augen von Kfor und Unmik wurden ab 1999 über 250.000 Serben, Roma, Kroaten, Ashkali, slawische Muslime und katholische Albaner von der UÇK vertrieben, viele von ihnen ermordet. Das Bemühen von Satistiken mutet zynisch an, doch bleibt es notwendiges Korrektiv zu den perversen Zahlenspielen, mittels derer die Nato und Verbündete ihr Handeln rechtfertigten.


Die Institutionen des UN-Protektorats Kosovo und des neuen Staats Kosova sind durchdrungen mit Kadern der UÇK, die ihrerseits ident sind mit dem Organisierten Verbrechen. Die Verflechtungen und Subhierarchien der kosovarischen Klans respektive freien Marktwirtschaft böten Stoff für tausende ethnologische und kriminalsoziologische Dissertationen. Ihre wichtigsten Paten heißen jedenfalls Ramush Haradinaj, ehemaliger Premierminister und in Den Haag angeklagter Kriegsverbrecher, der Massenmörder und gleichfalls Ex-Premier Agim Çeku, der Haradinajs Posten übernahm, Rustem Mustafa, sowie ein als „Drenica-Gruppe“ bzw. Demokratische Partei (PDK) bekanntes Triumvirat aus Xhavit Haliti, Rexhep Selimi und Hashim Thaçi, dem amtierenden Premierminister der jungen Republik Kosova. Verbrecher wie Thaçi exekutieren den Willen des Volkes, mit Einschüchterung sowie über reale wie fiktive Familienbande, aus denen es ebenso schwer ist auszusteigen wie aus einer der hoffnungslosesten wirtschaftlichen Situationen Europas.

Die Pogrome vom März 2004, bei denen 90 serbische Dörfer, 28 Menschen ermordet überfallen und 41 christliche Kirchen zerstört wurden, waren konzertierte Aktionen der kosovo-albanischen Mafia – darin sind sich BND- und KFOR-Berichte einig –, um die internationalen Sicherheitskräfte von einer Reihe größerer Drogendeals abzulenken, u. a. mit der serbischen Mafia. Und bei den nächsten Kämpfen zwischen Albanern und Serben in Kosovska Mitrovica werden sich die albanischen und die serbischen Macheats der ursprünglichen Akkumulation bereits am Vorabend handelseinig geworden sein. Hierin offenbart sich das Wesen beinahe jedes Konfliktes, der sich als ethnisch, zumindest kulturell artikuliert: die gezielte Destabilisierung, Instrumentalisierung und Kollektivierung der Zivilbevölkerung zur Neuordnung von Macht und Geschäft. Vom Chaos des Kriegsrechts nascht eine Allianz aus psychischer Perversion und gesundem Geschäftsgeist wie Maden im Speck. Und mit dem Phantasma der gemeinsamen ethnischen Identität lassen sich Ökonomien noch immer am praktischsten abstecken. Die Ereignisse auf dem Balkan – museale Erinnerungen an die Startbedingungen unseres eigenen Wohlstandes – kommen uns nur deshalb so barbarisch vor, weil wir uns längst leisten können, das Hauen und Stechen um Ressourcen in unsere Hinterhöfe auszulagern.

Durch den Kosovo führt die Haupttrasse des Heroinhandels von Afghanistan nach Westeuropa. Albanische Banden dominieren – neben Zwangsprostitution und Waffenschmuggel – das Drogengeschäft innerhalb Europas. Doch nicht nur Heroin, sondern auch Erdöl aus Zentralasien wird durchs Kosovo fließen. Einer von vielen Gründen, warum die USA dort ihr größtes Militärlager auf europäischen Boden, das Camp Bondsteel, unterhalten. Wer den Film „Gangs of New York“ gesehen hat, weiß mehr über den Kosovo als Veronika Seyr selbst wissen würde, wenn sie sich den Tatsachen stellte.
Doch anders als die Journalisten vermeiden es die politischen Akteure vom Siegeszug der Menschenrechte zu faseln. Denn alle wissen sie, von welcher Art die politische Klasse im neuen Israel der Albaner ist. Die USA wissen es, die Uno weiß es, die EU weiß es, Kfor, Unmik und CIA wussten es von Anfang an, auch Wolfgang Petritsch weiß es. Er bleibt, ganz Diplomat, sachlich, und fordert schnellere Anbindung der Region an die EU. Was denn auch sonst!

Man merkt den internationalen Akteuren an, dass ihnen das alles schlichtweg peinlich ist. Bereits 1999 hatten sie sich in eine Situation gebombt, für die es keine irdische Lösung geben würde. Die Unabhängigkeit Kosovas ist nur ein panischer Ausfall aus der Pattsituation, bei der es keine Gewinner gibt, wenn man von ein paar internationalen Beamten mit ihren steuerfreien Gehältern und ein paar Mafiosi, die jetzt im kosovarischen Parlament sitzen, absieht. Im Grunde unterscheiden sich die politischen Strukturen Kosovas kaum von denen anderer postsozialistischer Staaten, nur dass hier die Verbindung von Volksgeist, Terror und Kriminalität noch archaischer, noch brutaler sich Bahn bricht.

Die Serben mögen bei ihrem Protest gegen die Abtrennung des Kosovo sogar Internationales Recht auf ihrer Seite haben, ihre politischen Repräsentanten haben jedoch aufgrund der serbischen Kosovopolitik vor 1974 und nach 1989 das moralische Recht verspielt, jenes einzufordern. Das Herz des Serbentums ist nichts als ein Tumor. Vernunft geböte es, diesen so schnell wie möglich zu extrahieren und dankbar zu sein, dass das Ulkus anderswo aufbricht. Doch Vernunft kommt dem Ausmaß des serbischen Realitätsverlustes nicht bei. Warum die Serben ihre Geschwüre mehr hegen und pflegen als ihre Chancen, kann nur noch die Völkerpsychologie erklären, die aber – Gott sei Dank – aus der Mode gekommen ist.
 

 
 

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